Obwohl die Orgel derzeit zur Reinigung auseinandergebaut ist und der Kirchenraum dadurch eher an eine Orgelbaustelle erinnert, wurde der Altarraum durch gezielt eingesetzte Leuchtstrahler in eine stimmungsvolle Atmosphäre getaucht, die dem Konzert einen besonderen Rahmen verlieh.
Das abwechslungsreiche Programm aus dem 17. und 18. Jahrhundert wurde zu einem eindrucksvollen Musikerlebnis, das die technische Brillanz und die musikalische Gestaltungskraft der beiden Interpreten unter Beweis stellte.
Theresia Stahl begeisterte auf Alt- und Sopranblockflöte mit einer beeindruckenden Beherrschung ihres Instruments. Ihre souveräne Technik, die Bewältigung anspruchsvoller Passagen und die Klarheit ihrer Artikulation verbanden sich mit einer feinen musikalischen Sensibilität. Mit großer Ausdrucksvielfalt gestaltete sie die unterschiedlichen Charaktere der Werke: von eleganter Zurückhaltung und zarter Melodik bis hin zu lebhaften, virtuosen Passagen. Auch die kunstvollen Verzierungen der Barockmusik gelangen mit bemerkenswerter Sicherheit und stilistischer Eleganz.
Christian Stahl erwies sich auf der Theorbe und der Barocklaute als ebenso versierter wie einfühlsamer musikalischer Partner. Mit technischer Präzision, differenzierter Anschlagskunst und einem feinen Gespür für rhythmische Gestaltung gab er der Musik ein tragfähiges Fundament. Seine Begleitung war dabei weit mehr als bloße Unterstützung: Mit klanglicher Nuancierung, rhythmischer Lebendigkeit und sicherem Gespür für die musikalischen Dialoge entstand ein lebendiges Miteinander.
In einer seiner Zwischenmoderationen würdigte Christian Stahl ausdrücklich das Engagement des Förderkreises Kirchenmusik an St. Joseph Siegen. Seine anerkennenden Worte unterstrichen die Bedeutung der Arbeit des Förderkreises für das vielfältige kirchenmusikalische Leben und die Ermöglichung anspruchsvoller Konzerte in der Gemeinde.
Der erste Konzertteil führte nach Paris. Werke von Jacques Hotteterre, Denis Gaultier und Antoine Dornel spiegelten die Eleganz und Raffinesse der französischen Musikkultur wider. Hotteterres Suite in e-Moll vereinte tänzerische Leichtigkeit mit kunstvoller Ornamentik. Die beiden Traits und die Airs „Nicolas va voir Jeanne“ und „De mes soupirs“ ergänzten das Programm um weitere charaktervolle Stücke. Auch Auszüge aus einer Suite von Denis Gaultier sowie Antoine Dornels vierte Suite boten Gelegenheit, die feine Phrasierung und die differenzierte Gestaltung der französischen Musik zu erleben.
Im zweiten Teil ging die musikalische Reise nach Venedig. Werke von Giovanni Battista Fontana, Antonio Vivaldi, Giovanni Bassano und Dario Castello entfalteten eine ganz andere Klangwelt: lebendig, kontrastreich und voller virtuoser Energie. Fontanas Sonate VI und Castellos Sonate II aus den „Sonate Concertate“ standen beispielhaft für die experimentierfreudige venezianische Instrumentalmusik. Vivaldis Sonate III aus op. 2 führte vom ruhigen „Preludio Andante“ über die schwungvolle „Corrente“ und das ausdrucksvolle Adagio bis zur temperamentvollen Giga. Hier konnten die beiden Musiker ihre technische Sicherheit und ihre Fähigkeit, musikalische Kontraste prägnant herauszuarbeiten, besonders eindrucksvoll zeigen. Ein besonderer Höhepunkt war Giovanni Bassanos „Ricercata Quarta“, die Theresia Stahl solistisch auf einer Ganassi-Flöte vortrug. Diese besondere Blockflötenbauart geht auf den venezianischen Musiker und Blockflötenvirtuosen Sylvestro Ganassi dal Fontego zurück. Der charakteristische Klang der historischen Flöte verlieh der solistischen Darbietung eine besondere Farbe.
Das Konzert machte auf eindrucksvolle Weise deutlich, wie unterschiedlich die musikalischen Sprachen von Paris und Venedig waren. Auf der einen Seite standen die französische Eleganz, die feinen Verzierungen und die stilisierte Tanzkunst, auf der anderen die venezianische Lebendigkeit, die ausdrucksvollen Kontraste und die virtuose Spielfreude. Das Duo La Vigna verstand es, diese Unterschiede hörbar zu machen. Ihr fein aufeinander abgestimmtes Zusammenspiel und die Vielfalt ihrer Klanggestaltung machten das Konzert zu einem eindrucksvollen Plädoyer für die Ausdruckskraft der Barockmusik.